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Ammenmärchen

Macht Stillen vergesslich?

Stilldemenz, gibt es das wirklich? Viele Frauen erleben sich während der Stillzeit als schusselig und vergesslich. Aber stimmt dieses Gefühl? Und vor allem: Gibt es da wirklich einen Zusammenhang? Wir klären dich in unserem Video auf. Hoffentlich kannst du dir die Antwort merken.

Autor: Kathrin Wittwer
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Ist das Gehirn wirklich beeinträchtigt?

Da gibt es schon Defizite im Erinnerungsvermögen, sagen die einen. Wahrscheinlich durch Übermüdung und Überforderung, vielleicht aber auch durch die Veränderungen im Hormonhaushalt (weshalb das Phänomen der Schusseligkeit schon in der Schwangerschaft beginnt).

Nein, die Defizite seien ein Trugschluss, sagen andere – es verschieben sich lediglich die Prioritäten der Mütter, sie achten auf andere Dinge. Da scheint es leicht so, als würden sie schusseliger. De facto ist ihr Hirn aber nicht beeinträchtigt.

Vergesslich schon in der Schwangerschaft

Vergesslichkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, langsameres Denken, Schwierigkeiten, die richtigen Begriffe zu finden, Dinge verlegen, Ungeschicklichkeit: In vielen Studien nannten frischgebackene Mütter solche Probleme, die ihnen in der Schwangerschaft zunehmend zu schaffen machten. Und daraus wurde geschlossen: Es muss was dran sein an einer Schwangerschaftsdemenz.

Kritik an der Forschung

In den letzten Jahren wurden aber auch einige Gegenstimmen laut: Vor allem seien Mütter oft nur nach ihrer Selbst-Einschätzung befragt worden, also danach, was ihnen an sich selbst aufgefallen ist. Aber wie verlässlich ist das? Spielt es da vielleicht sogar eine Rolle, dass die Mütter praktisch erwartet haben, dass ihnen das passiert und sie solchen Anzeichen deshalb mehr Bedeutung beimaßen? Nicht auszuschließen.

Sind's mal wieder die Hormone?

Vielleicht, dachten sich zwei britische Wissenschaftler, liegt es aber auch an den Hormonen. Östrogene und Progesterone, die in der Schwangerschaft vermehrt produziert werden, spielen auch fürs Gedächtnis eine Rolle. Vielleicht ist die Hormonkonzetration für den Hippocampus (Teil des Gehirns, der zuständig fürs Erinnern ist) einfach zu viel und es gibt Kurzschlüsse im Erinnerungsprozess? Immerhin schnitten in Vergleichstests die Schwangereren nicht so gut ab wie die Nicht-Schwangeren.

Das sind aber höchstens Momentaufnahmen, konterten 2009 australische Forscher, die sich acht Jahre lang mit der Sache befassten und Frauen in verschiedenen Stadien der (Nicht-)Schwangerschaft und Mutterschaft testeten. Sie stellten fest: Abgesehen von einem kleinen Zeitfenster zum Ende der Schwangerschaft, als die werdenden Mütter etwas länger brauchten, um Aufgaben zu lösen, gab es zu keiner Zeit echte Unterschiede in den geistigen Leistungen der Frauen. Und später ist alles wieder wie vorher, einen Langzeitdefekt im mütterlichen Gehirn gibt es nicht.

Folgt auf die "Schwangerschaftsdemenz" die "Stilldemenz"?

In der Stillzeit kommen eher Stressfaktoren zum Tragen: Das Muttersein mit den vielen neuen Herausforderungen, der Verantwortung, endlosen Schlafentzug, nie gekannten Ängsten – wer kann sich da noch selten genutzte Telefonnummern oder Einkaufslisten merken? Dieser Effekt soll angeblich sogar evolutionär gewollt sein: Damit Mama nicht vergisst, sich ums Baby zu kümmern, werden weniger wichtige Dinge ausradiert. Es verlagern sich also die Prioritäten, ein tatsächlicher Abbau an Fähigkeiten ist es nicht.

Fazit: Das Stillen an sich macht nicht vergesslicher, die Begleitumstände der Stillzeit (und schon der Schwangerschaft) hingegen sind durchaus schwere Herausforderungen für den Kopf.

Was kann ich tun, wenn ich so vergesslich bin?

Die Ratschläge gegen „Stilldemenz“ sind relativ einfach und einheitlich: loslassen, aufschreiben, Schlaf nachholen. Heißt übersetzt: Mütter müssen es schaffen, ihren Perfektionismus abzustellen, sollten Aufgaben delegieren, immer einen Zettel bei der Hand haben und lieber in der Mittagspause das Geschirr stehen lassen und sich selbst auch hinlegen. Sonst können sie ihr Schlafdefizit nur schlecht ausgleichen.

Übrigens: Auch Eisenmangel macht vergesslich! Vergesslichkeit in der Schwangerschaft (und Stillzeit) kann, wenn sie mit anderen Symptomen wie z.B. Müdigkeit, Kopfschmerzen, Konzentrationsschwierigkeiten einher geht, auch auf eine Anämie (auch als Blutarmut bezeichnet) hinweisen, verursacht durch Eisenmangel. Die Speicher müssen dann dringend mit Eisenpräparaten aufgefüllt werden. (Text: Kathrin Wittwer)