Geliebt, gehasst, ersehnt

Die Menstruation: ganz besondere Tage

Sie ist ein natürliches Zeichen von Fruchtbarkeit und elementarer Aspekt der Weiblichkeit: die Menstruation. Doch nicht alle Frauen freuen sich über ihre Periode, für viele steht die Regel sogar synonym mit Schmerzen und Einschränkungen. Wie kann frau sich mit ihren Tagen versöhnen?

Autor: Kathrin Wittwer
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Frau Menstruation
Foto: © mauritius images / Onoky

Auch wenn es sich um einen wichtigen und völlig natürlichen Vorgang handelt, freuen sich bei weitem nicht alle Frauen über ihre Periode. Diejenigen, die besonders starke Beschwerden haben, fühlen sich oft geradezu gestraft. Schließlich müssen die meisten Frauen während ihrer Periode funktionieren wie immer, auch wenn sie vielleicht unter starken Schmerzen leiden. Ein italienischer Gesetzentwurf sieht deshalb jetzt sogar vor, dass Frauen unter bestimmten Umständen bezahlten Menstruationsurlaub nehmen können. Wenn sie mit einem Attest beweisen, dass sie unter starken Schmerzen leiden, erhalten sie Anspruch auf drei Tage Extraurlaub – so der Plan. Das hört sich ziemlich revolutionär an, ist aber gar nicht so neu. In manchen asiatischen Ländern gibt es den „Menstruationsurlaub" schon länger, hin und wieder machen Experten auch in Europa entsprechende Vorschläge. Doch dabei steht auch immer die Frage im Raum, ob ein geschlechtsspezifischer Zusatzurlaub nicht letztendlich dazu führen würde, dass Arbeitgeber einfach weniger Frauen einstellen. Ob dieses Modell also wirklich praktikabel ist? Ungewiss. Fest steht jedoch: Die Menstruation zur Krankheit zu verallgemeinern ist ebenso falsch wie sie gesellschaftlich komplett auszublenden. Frauen sollten während ihrer Periode immer versuchen, mehr auf ihre Bedürfnisse zu hören, statt dieses Zeichen ihrer Weiblichkeit schlicht beiseitezuschieben oder wegzuwünschen. 

Die Menstruation: ein lästiges Übel?

Etwa einmal im Monat (lat. mensis) kümmert sich der Körper einer gesunden fruchtbaren Frau ganz selbstverständlich darum, gut auf eine mögliche Schwangerschaft vorbereitet zu sein: Mit der in diesem Rhythmus wiederkehrenden Menstruationsblutung wird die Gebärmutter, wenn sich hier eben noch kein befruchtetes Ei eingenistet hat, für einen neuen Zyklus frisch gemacht. „Als ich meine Regel mit 14 das erste Mal bekam, war das schon aufregend und besonders“, erinnert sich Kirsten*. „Einen echten Bezug zu dem, was das bedeutet, dass ich nun eine Frau und fruchtbar sei, hatte ich aber nicht. Wenn überhaupt, hat es mir eher Angst gemacht. Außerdem bekam ich sehr starke, schmerzhafte Blutungen und lag über Jahre jeden Monat gekrümmt im Bett. Lange empfand ich die Periode deshalb nur als lästig und hätte gut drauf verzichten können.“

Natürliches Zeichen eines gesunden Frauenkörpers

Wie Kirsten denken sehr viele Frauen – und zwar bei weitem nicht nur die mit Kinderwunsch, für die jede neuerliche Menstruation ein höchst unwillkommener „Drache“ ist oder gar als „Pest“ empfunden wird. Auch in den Jahren, in denen Kinder kein Thema sind, lassen allmonatliche Schmerzen, störende Einschränkungen, eine geringere Leistungsfähigkeit und die Umstände mit der Hygiene viele die Frage stellen: Wozu das alles?

Kleine Menstruations-Statistik

Der Fachbegriff für Menstruation lautet Menorrhö. Ihre erste Menstruation (= Menarche) bekommt eine Frau im Durchschnitt mit 12, die letzte (= Menopause) mit 51 Jahren. Dazwischen blutet sie um die 500 Mal, jeweils drei bis fünf Tage. Als normal gilt ein Blutverlust bis etwa 80 Milliliter.

„Weil es bei der Menstruation um viel mehr als um die Fruchtbarkeit geht. Sie ist etwas zutiefst weibliches, ein Ausdruck von Kraft, die unser Körper hat, von dem, wozu wir als Frauen fähig sind“, plädiert Claudia Wiesner für eine Aussöhnung mit „den Tagen“. Die Ärztin ist Beraterin für Natürliche Familienplanung (NFP) und leitet die Münchner Zentrale des Programms „MFM – My fertility matters“. Das zielt darauf ab, jungen Mädchen anschaulich zu vermitteln, welches Wunder der weibliche Körper mit seinem Zyklus vollbringt, was sich hinter dem „Vorhang“ der Menstruation abspielt – und diese deshalb auch als etwas sehr positives zu begreifen: als einen völlig natürlichen und gesunden Vorgang, der viel mehr bietet als die sichtbare „Rundumerneuerung“. Nämlich die Möglichkeit, über den Körper sich selbst besser kennenzulernen, das eigene Frausein besser zu erfühlen und anzunehmen.

„Ein roter Faden zu sich selbst“

Die Frauenforscherin Gabriele Pröll beschreibt dies im Buch „Das Geheimnis der Menstruation“ als ein echtes Geschenk: „Ich erlebe die Menstruation als eine innere Wandlung: Altes stirbt ab und Neues entsteht. Die Menstruation ist für mich zu einem ‚inneren Leitfaden’, dem ‚roten Faden’ zu mir selbst geworden. Meine Tage […] geben mir die große Chance, mich gewissermaßen regelmäßig auf einer ganz tiefen Ebene ‚selbst zu treffen’, ganz zu mir zu kommen, über meinen Entwicklungsstand nachzudenken, Altes auszuarbeiten und zu überprüfen, ob mein Leben stimmig ist. Je bewusster ich damit umgehe, umso klarer erkenne ich mich und kann innere Wandlungsprozesse auch selbst steuern. So wurde die Menstruation für mich zu einer Zeit, in der ich mich innerlich sehr stark fühle.“

Menstruationsbeschwerden: zum Teil auch hausgemacht

Doch im normalen Alltag erhält eine solche Besinnung kaum Raum. Trotz der Tatsache, dass der Körper gerade intensiv beschäftigt ist, „ist es für Frauen immer wieder eine Herausforderung zu akzeptieren, dass ich mal nach außen hin vielleicht nicht so viel Kraft habe“, weiß Claudia Wiesner. „Wir denken immer, wir müssen durchhalten, müssen funktionieren genau wie an allen anderen Tagen auch und gestehen uns nicht zu, was wir eigentlich brauchen.“ Solche Bedürfnisse nicht zu befriedigen ist nicht nur schade. Es kann unter Umständen auch dazu führen, dass Beschwerden (neben Stimmungsschwankungen machen am häufigsten Krämpfe, die deutlich über das normal spürbare Zusammenziehen der Gebärmutter zum Ausstoßen der Schleimhaut hinausgehen, zu schaffen) die Tage vermiesen.

 

Auszeit, Sport, Tabletten: Was tun gegen Periodenprobleme?

Ein konsequenter erster Schritt, sich mit seinem Körper und seinen speziellen Tagen auszusöhnen und damit vielleicht langfristig auch Probleme zu lindern, wäre demnach, sich zu nehmen, was frau jetzt braucht. „Die meisten wissen eigentlich, was sie tun müssten, damit es ihnen besser geht“, ist Claudia Wiesners Eindruck. „Die einen brauchen nur mal ein Stündchen oder sogar nur ein paar Minuten Ruhe, die einen wollen sich zurückziehen, die anderen wollen abgelenkt sein.“

Dass jede Frau auf diese Weise ihre Schmerzen los wird, wäre wiederum zuviel versprochen, sagt die Ärztin klar: „Die Beschwerden haben sehr vielschichtige Ursachen, die sich nur selten konkret ausmachen lassen. Natürlich kann es auch körperliche Hintergründe geben, die zu klären sind.“ Zysten zum Beispiel oder eine Endometriose, die starke, schmerzhafte Blutungen verursacht. „Aber ich kann immer schauen, wie gehe ich mit mir, mit meinem Körper um.“ Das kann bei Bedarf eine krampflösende Schmerztablette sein, je nach Typ Wärme oder Kälte, Sport oder Yoga, Massagen, alternative Behandlungsmethoden der Frauenheilkunde oder auch eine psychotherapeutische Beratung.

Vielleicht gibt es auch neue Impulse, sich von den gewohnten Hygieneartikeln Tampons und Binden zu lösen, wenn diese als unangenehm empfunden werden, und stattdessen mal eine Menstruationstasse bzw. –kappe auszuprobieren. Oder sich gar auf das Abenteuer einer freien Regel (fast) ohne Auffangmittel einzulassen, wie sie, verpackt in eine Geschichte, das Buch „Regelschmerz ade!“ von Caroline Oblasser beschreibt.

Was Pillen mit dem Zyklus machen

Für viele Frauen ebenso wie für Gynäkologen heißt die einfachste Lösung an dieser Stelle jedoch: die Pille. Kirsten nahm sie erstmals mit 17, konnte fortan die Uhr nach der Blutung stellen und vor allem lief diese ohne Schmerzen ab – „eine riesige Erleichterung.“ Natürlich steht jeder Frau es frei, diese Wahl zu treffen. Allerdings, ist Claudia Wiesner aufgefallen, wissen Frauen oft nicht, was die Pille überhaupt mit ihrem Körper macht: „Die Pille blockiert den Zyklus komplett, es gibt ihn einfach nicht mehr. Mit Menstruation hat die Blutung nun nichts mehr zu tun.“ Denn Chemie statt Natur steuert jetzt den Hormonhaushalt, die Abbruchblutung in der Pillenpause ist lediglich eine „Hormonentzugserscheinung“.

Ausschluss und Verdrängung: langfristig zweifelhafte Lösungen

Bei Gestagenpillen, die durchgängig genommen werden, setzt die Blutung sogar komplett aus: „Ich habe Östrogen nicht dauerhaft vertragen und dann über zehn Jahre Gestagen genommen. Ehrlich gesagt fand ich das klasse, keine Blutungen, keine Schmerzen. Ich hab diese Freiheit absolut genossen“, erzählt Kirsten. „Was das aber für meinen Körper bedeutet, darüber habe ich mir erst nach meiner Schwangerschaft richtig Gedanken gemacht. Da kam ich mit der Pille plötzlich nicht mehr zurecht und fühlte mich ständig im PMS-Modus.“

Wie wird die Menstruation eine gute Zeit?

Statt nur wegzuschieben, was frau lästig findet, lohnt es deshalb zu hinterfragen, was genau an der Menstruation stört und warum: Bin ich nicht glücklich damit, eine Frau zu sein? Habe ich gewisse Abneigungen vielleicht schon von der Mutter übernommen? Möglicherweise auch das (falsche) Credo „Schmerzen sind normal, die muss man eben aushalten“? Gab es zu Beginn der Pubertät eine schlechte, peinliche, schamhafte Erfahrung mit der Blutung? Lasse ich mich in meinem Gefühl davon leiten, dass Menstruation immer noch kaum ein gesellschaftsfähiges Thema ist? Davon, dass sie mit abwertenden Begriffen wie „Unpässlichkeit“ verbunden wird? Hat sich aus Arztbesuchen der Eindruck festgesetzt, Menstruation hat mit Kranksein zu tun? Spüre ich Unsicherheiten oder Ängste über bestimmte körperliche Vorgänge?

Jede Antwort bringt eine Frau ihrem Körper wieder ein Stück näher. „Wissen schafft Körperkompetenz. Und das ist wichtig, weil der Körper nun mal zu uns dazu gehört, und wenn man da etwas nicht gut annehmen kann, dann wird es immer eine Unstimmigkeit geben. Je positiver ich zu mir selber bin, kommt das auch wieder zurück“, ist Claudia Wiesner überzeugt.

Eine Generationenarbeit: Menstruation aus dem Tabu holen

Eine Kehrtwendung um 180 Grad darf aber keine frau erwarten, wenn sie sich auf diesen Weg begibt: Es ist ein Prozess, der viele Jahre dauern kann, weiß die Ärztin. Nicht nur, weil jede Frau für sich ihre eigenen Erfahrungen verarbeiten muss. Sondern weil leider in Vergessenheit geraten ist, dass es durchaus Zeiten und Kulturen gab, in denen menstruierende Frauen verehrt, das Blut gar als heilig angesehen wurde. Stattdessen „stecken ganz tief in uns drin Geschichten und Einstellungen, die es seit schon der Antike gibt, nämlich dass die Menstruation als unrein gesehen wird und das Blut giftig ist. Das lässt sich nicht so schnell ändern, das ist eine Generationenarbeit.“ Umso schöner ist es, wenn Mütter sich darauf einlassen und damit ihren Töchtern bereits ein weiteres Stück ebnen. „Grundsätzlich sollten wir wieder dazu kommen, die Menstruation als etwas Gesundes zu betrachten“, bekräftigt Claudia Wiesner.

Spannende Geschichten, fatale Mythen

Daran versucht sich Kirsten nun seit einem Jahr, beobachtet ihren Zyklus per NFP, treibt mehr Sport gegen PMS und nutzt die Blutung als ganz legitimen Anlass für eine „Ich-Zeit“. „Die Freiheiten der Pille und ihre Sicherheit für die Verhütung vermisse ich immer noch“, gibt sie offen zu. „Aber es tut gut, mich viel besser kennenzulernen. Faszinierend finde ich auch die ursprünglichen Bezüge der Menstruation zum Mondzyklus. Das wollte ich ausprobieren und habe einige Zeit bei Vollmond bei offenen Vorhängen geschlafen. Tatsächlich kam meine Menstruation im letzten Vierteljahr immer rund um Vollmond.“

Womit frau hingegen nicht experimentieren sollte, sind zwei Mythen, die sich hartnäckig um die Menstruation halten: Zum einen, dass es rund um die Tage keine Verhütungsmittel braucht (bei sehr variablem Eisprung ist auch jetzt eine Schwangerschaft möglich) und zum anderen, dass man in der Stillzeit nicht schwanger werden kann, solange die Blutung noch nicht wieder eingesetzt hat – auch hier kann es sonst Überraschungen geben.

* Name von der Redaktion geändert


Service

Zum Weiterlesen

  • Gabriele Pröll: Das Geheimnis der Menstruation. Kraft und Weisheit des Mondzyklus.
    Goldmann Arkana. 2004. ISBN: 3-442-21676-1. (gebraucht erhältlich)
  • Jutta Göhren, Volker Reinhardt: Menstruationsbeschwerden: Vorbeugen und richtig behandeln. Compact. 2007. ISBN: 978-8174-6277-3. 9,99 Euro.
  • Sabine Hering, Gudrun Maierhof: Die unpäßliche Frau: Sozialgeschichte der Menstruation und Hygiene. Mabus. 2002. ISBN-13: 978-3933050991. 19,90 Euro.


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